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Selbstmordrate, Kündigungsschutz und die France Telecom

Von Wolf Reuter | 19.Oktober 2009

 France Telecom sorgt für einen nationalen Aufruhr. Grund sind 25 Selbstmorde in den letzten 20 Monaten. Die Öffentlichkeit ist alarmiert, Berater wurden eingestellt und Fragebögen werden ausgegeben, um die Gefühlswelt der Mitarbeiter besser kennen zu lernen. Alle sind ratlos, der Konzernchef muss zum Rapport beim Präsidenten. France Telecom ist ein Unternehmen, das - nur zeitlich später - ähnlich der Deutschen Bahn, Post oder eben Telekom ein Staatsmonopol war, das privatisiert wurde. Die Umstrukturierungen, die damit einhergehen, kennen wir aus Deutschland. So beklagt sich ein Mitarbeiter im Radio, alle Kundenbetreuer würden jetzt keine Hausbesuche mehr machen (weil man damit kein Geld verdienen kann), sondern in Call Centern arbeiten müssen und seien sehr, sehr unglücklich damit. FOCUS online berichtet dazu (18.10.2009):

“Die Gewerkschaften machen für die Selbstmordserie den rasanten Konzernumbau verantwortlich, durch den viele Beschäftigte versetzt und die Arbeitsabläufe stark verändert würden. France Télécom hat wegen der Selbstmordserie bereits jegliche Art von Versetzungen bis Jahresende ausgesetzt. Mit den Gewerkschaften laufen Verhandlungen über eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.”

Mehr arbeitsrechtlicher Schutz also soll weitere Selbstmorde verhindern. In einer Linie mit der unseligen Maybrit-Illner-Talkshow (siehe unseren letzten Eintrag) könnte daher die Schlussfolgerung lauten, zu wenig Schutz und auch noch Terror durch die Anwälte mache Leute kaputt, also rauf mit dem Schutzniveau.

Gegenfeuer kommt vom erbverfeindeten Cousin der Franzosen, den Briten. Das internationale Presseflagschiff The Economist (gegründet 1843 mit dem interessanten Motto “…to take part in a severe contest between intelligence, which presses forward, and an unworthy, timid ignorance obstructing our progress…”) hat sich in seiner Printausgabe vom 8.10.2009 die europäischen Selbstmordraten vorgeknöpft.

Dabei kommt France Telecom als Unternehmen nicht schlecht weg, weil Frankreich insgesamt ein Desaster ist - bei der Selbstmordrate. Im OECD-Bereich sind nur in Japan und Finland die Selbstmordraten höher (Japan satte 19, Finland noch mehr als 16 Personen je 100.000 Einwohner und Jahr). Der französische Wert liegt bei nicht ganz 15, der deutsche übrigens bei 10 und der britische bei der Hälfte des französischen. Nur die Italiener sind noch besser dran als die Briten.

Da France Telecom gerade mal so über 100.000 Mitarbeiter hat, sind deshalb 25 Selbstmorde in zwei Jahren nicht überdurchschnittlich, sondern sogar knapp unter dem nationalen Durchschnitt. Wie viele Selbstmorde es bei anderen großen Unternehmen gab, hat keiner gezählt, aber France Telecom dürfte nicht herausragen.

In der Konsequenz dürfte daher lediglich ein Scheinzusammenhang zwischen Umstrukturierung und Selbstmord bestehen. Wenn man unterstellt, in den konkreten Fällen seien, wie die Gewerkschaften behaupten, jeweils Gründe am Arbeitsplatz ausschlaggebend gewesen, dann wird es interessant. Denn hier sieht Frankreich aus britischer Sicht ähnlich aus wie Deutschland: Arbeitsverträge sind etwas Zementiertes. Je größer (und staatsnäher) der Arbeitsplatz, je älter das Beschäftigungsverhältnis, desto sicherer die Stelle und desto besser ist sie gegen Veränderungen zu verteidigen. Die insolenten Briten behaupten gar, in Frankreich habe der sichere Dauervollzeitallesabgesichertarbeitsplatz einen so gefährlichen kulturellen Stellenwert bekommen, dass man auch dann an ihm festhalte, wenn man ihn gar nicht mehr wolle. Durch die Unbeweglichkeit des Marktes gäbe es die Option nicht, einfach zu gehen, wenn man nicht in ein Call Center will, denn wer gibt einen absolut sicheren Arbeitsplatz schon auf? Der Economist meint gar, bei einem derart hohen Schutzniveau würden Arbeitgeber zu rigiden Maßnahmen greifen. Wenn man jemanden weder kündigen noch versetzen kann, wird er eben isoliert, nicht mehr mit Arbeit bedacht und geschnitten, dafür aber mit Abfindungsangeboten konfrontiert. Der Kündigungsschutz enge also die Perspektiven beider Seiten ein. Frankreich habe zudem frustrierte junge Arbeitnehmer. Sie müssen auf befristeten Verträgen arbeiten, weil die Arbeitgeber sich scheuen, neue Leute an Bord zu nehmen - denn das wäre meist für immer.

Kennen wir das Thema nicht? Der Kollege Naujoks (siehe den Eintrag zu Maybrit Illner) wollte ja mit der Kündigung der Unkündbaren reüssieren und angeblich ist er dabei so weit gegangen, dass er  echte Mobbingstrategien empfohlen hat. Richtig ist sicher, dass es solche Taktiken nicht geben müsste, wenn es ein geringeres “Schutz”-Niveau gäbe und es oft hilft, wenn auch Arbeitnehmer eine flexiblere Perspektive haben.

Unter den fast 15, die sich in Frankreich pro 100.000 in den nächsten 12 Monaten wieder umbringen werden, sind vielleicht aber nicht nur umstrukturierte Arbeitnehmer, sondern auch Pensionäre, Beamte und Jugendliche mit Liebenskummer. Das zeigt: Das Arbeitsrecht hat doch einen eher begrenzten Stellenwert, wie der Kündigungsschutz insbesondere. Aber Übertreibungen schaden eben manchmal…


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Kündigung und Kündigungsschutz im Arbeitsverhältnis
Stahlhacke / Preis / Vossen
EUR 69,00
Kündigungsschutz im Arbeitsrecht von A Z
Schulz
EUR 8,00
Die außerordentliche Kündigung mit notwendiger Auslauffrist
Bröhl
EUR 88,00


Topics: Alltag im Arbeitsrecht, Grundsätzliches |

3 Kommentare to “Selbstmordrate, Kündigungsschutz und die France Telecom”

  1. Malte S. meint:
    19.Oktober 2009 at 10:17 am

    Schutzeinschränkung zur Schutzerhöhung? Das klingt - entschuldigen Sie bitte - sehr nach Überwachung für die Freiheit.
    Wir haben doch weitgehend ein differenziertes Kündigungsrecht. Hier wird man sicherlich auch noch weiter dran feilen können, um das Problem der Unkündbaren ohne Tätigkeitsbereich zu beheben.

    Andererseits sollte man vielleicht auch mal über wirksame Sanktionen gegen Arbeitgeber nachdenken, die ihre Angestellten massiv unter Druck setzen - das dürfen die zwar nicht. Eine echte Folge gibts aber mangels Druckmittel auch nicht.
    Ich habe grad gestern wieder mal aus dem Bekanntenkreis den Fall gehört, dass der Chef (Fillialleiter) Überstunden verlangt, die Arbeitspläne erst zu Ultimo (also 1 Tag vor ihrem Beginn) erstellt und auf eine entsprechende Beschwerde nur darauf verweist, dass es “da draußen noch zig andere gibt, die [den] Job wollen.”

  2. Wolf Reuter meint:
    19.Oktober 2009 at 1:33 pm

    Zunächst: Schön, dass Sie sich wieder äußern, wir haben Sie hier vermisst. In der Sache: Das Verlangen nach Überstunden ist nach dem Arbeits- und/oder TV zu beurteilen. Entweder, es dürfen Überstunden verlangt werden, dann geht das noch am selben Tag (nach geltendem Recht), einen Tag vorher aber ohnehin. Oder, wie oft, es gibt gar keinen Überstundenanspruch. Da gibt es zwei wirksame Regularien. (1) Verweigerung. Das ist natürlich psychologisch brisant, aber was man nicht rechtlich muss, muss man eben auch wirklich nicht tun. Rechtlich sind die Sanktionsmöglichkeiten des AG dann = 0, denn Kündigen kann man deshalb nicht und sonst gibt es kein Instrumentarium. Wenn dann natürlich eine geklaute Packung Obst im Spind der Deliquentin gefunden wird, sind wir bei der Methode Naujoks (wenn man Wallraff und der ver.di-Vertreterin bei Maybrit Illner folgen will). Aber auch im Einzelhandel ist nun nicht jeder Arbeitgeber ein krimineller Erpresser. Vielleicht bringt Verweigern (nochmals: nur, wenn der Vertrag das hergibt) ja auch mal Vernunft in die Sache, weil der Arbeitgeber sich seine Vertragsposition klarmacht. Im Zweifel hilft ein freundliches Anwaltsschreiben. (2) Betriebsrat gründen oder bestehenden einschalten. Wegen § 87 Abs. 1 Nr. 2 und 3 wäre das Verhalten, das Sie schildern, nicht gegen einen Betriebsrat durchzusetzen. Vor allem, wenn die Überstunden eine gewisse Regelmäßigkeit bedeuten, wäre auch mal Nr. 3 einschlägig. Mehr kann man da nicht machen, aber warum reicht das denn nicht?

  3. Nutzlose Arbeitsjuristen: Apple, Foxconn und das Gebot “Töte Dich nicht” - nothing could be more standard… | reuter-arbeitsrecht.de meint:
    31.Mai 2010 at 10:46 am

    […] die in den Fabriken angeblich herrschten, die Ursache seien. Das erinnerte uns zunächst nur an France Telecom - dort hatte vor einem halben Jahr eine Selbstmordwelle für Erschütterungen gesorgt, obwohl die […]

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