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Cicero und die Lehren für den modernen Anwalt

Von Wolf Reuter | 15.November 2007

Ganz ausnahmsweise darf man hervorragende Bücher empfehlen, ohne der Schleichwerbung verdächtigt zu werden (oder?). So ein Buch hat zum wiederholten Male der aus Nottingham stammende Autor Robert Harris geschrieben (Imperium). Bewohnern des Vereinigten Königreichs ist er bekannt als Kolumnist und zeitweise auf Tuchfühlung befindlicher Chronist von Tony Blair, den früheren Premierminister. Er hat phantastische Bücher geschrieben, aber zur Zeit muss man mit Harris Schritt halten können, denn die Einschränkung seiner journalistischen Tätigkeit lässt offenbar endlich Zeit für mehrere Buchprojekte gleichzeitig. Imperium ist schon 2006 erschienen, und gerade ist er mit Ghost in den Schlagzeilen - da aber geht es um Ghostwriter, das soll nicht unser Thema sein. Imperium ist nichts andere als der von der Kritik bejubelte erste Teil einer auf drei Teile angelegten Biographie von Marcus Tullius Cicero. Der war von Beruf, ja genau, Rechtsanwalt. In Imperium kann man als Anwalt feststellen, dass sich das Berufsbild subjektiv in den letzten 2000 Jahren nicht gewandelt hat (Cicero konnte vor einem wichtigen Prozess nichts essen, nicht trinken und musste sich vor Aufregung sogar übergeben, aber lieferte dann eine perfekte Darstellung). Der Unterschied, na ja, liegt darin, dass man sich damals mehr Pfründe sichern konnte als heute und gelegentlich um das eigene Leben zu bangen hatte (ob das heute so anders ist, hängt natürlich davon ab, wo man Anwalt ist; in Pakistan hat man derzeit den Eindruck, es habe ich in 2000 Jahren nichts verändert). Was kann man heute von Cicero lernen? Na? Haben Sie auch in Schule die Verrinen gelesen, die meisterhaften Reden gegen Verres, die als Prunkstück der Redekunst, der Anwaltskunst, ja der antiken römischen Literatur gelten? Oder wenigstens davon gehört? Wir reden von Verres, dem Statthalter der Provinz Sizilien, der das Land wie kein zweiter auspresste und gegen den Cicero die Anklage wegen eben dieser Schandtaten vertrat. Was für ein Mann - 2000 Jahre später weiß jeder, wer Cicero war, an Verres kann man sich aber nur als Reflex von “Cicero” erinnern. Cicero hatte mit dem Prozess seine Karriere begründet. Er legte sich mit dem mächtigsten Mann der zeit (Verres) an, der zum Schluss aus der Stadt flüchten musste, und mit dem besten Anwalt Roms (Hortensius), der danach, allenfalls, der zweitbeste war. Aber - wussten Sie auch, dass die der Nachwelt überlieferten Verrinen tatsächlich Literatur sind - Cicero hat sie nämlich überwiegend nicht gehalten. Für uns war das eine kleine Sensation, wenn man es schon vorher wusste, nun denn, geschenkt. Die Reden waren eben fertig und sind nach dem Prozess verbreitet worden. Cicero hatte sich nach ihrer Abfassung für etwas anderes entschieden Und damit kommen wir zum Kern. Cicero hat den Prozess mit einem prozessrechtlichen Trick gewonnen. Ja, auch daran hat sich in 2000 Jahren nichts geändert. Er hatte das Problem, dass Verres offensichtlich schuldig war und wusste, wie heute, dass Richter ausgerechnet dann besonders vernagelt sein können. Er hatte auch das Problem, dass bei Prozesseröffnung nur noch wenige Wochen verblieben, bis die Amtszeit des Gerichts ablief; danach wäre Verres wohl Konsul geworden und hatte nichts mehr zu befürchten (Cicero dafür umso mehr). Hortensius sah das gelassen - die Prozessabläufe waren üblicherweise dergestalt, dass die Anklage (Cicero) eine mehrtägige Anklagerede hielt, bevor diese mit einer ebenso langen Verteidigungsrede gekontert wurde - erst danach wurden Beweise aufgenommen, die im Falle von Verres diesen sofort an den Pranger geliefert hätten. Hortensius ging zu Recht davon aus, dass er die Sache dadurch bis zum Ende des Amtsjahres des Gerichts hätte hinziehen können, für die Beweisaufnahme wäre vor Verres’ Wahl zum Konsul keine Zeit mehr gewesen. Dieser Irrtum ließ ihn zu einer Fußnote der Geschichtsschreibung werden. Denn das Prozessrecht erlaubte durchaus, sofort mit der Beweisaufnahme zu beginnen. Es war nur nicht üblich. Das ist etwa so, wie in Berlin seine Klageerwiderung beim Arbeitsgericht schon zur Güteverhandlung fertig zu haben (oder in Karlsruhe nicht). Eine Tradition, mehr nicht. Das Problem war nur - spielt der Richter mit, wenn man mit dieser Tradition bricht? “Er müsste” ist eine Antwort, die keinen Anwalt zufrieden stellt. Also versicherte sich Cicero der Hilfe des mächtigsten Mannes seiner Zeit, Pompejus, nur zu einem Zweck - er sollte sicherstellen, dass der Richter ihm zuhören und nicht in die Parade fahren würde. Nur das - um Bestechung ging es nicht. Cicero wusste, dass gerade bei offensichtlichen Sachverhalten, wenn sie komplex sind, das Gericht zuhören muss. Daran fehlt es oft, entweder an der Bereitschaft oder am Gehör. Richter leben nicht in derselben Welt wie Mandanten und haben oft keine Vorstellungen, was in dieser Welt geschieht. Zuhören ist umso wichtiger (rechtliches Gehör heißt das bekanntlich heute), diese Tugend wird aber damals wie heute manchmal nicht ernst genommen. Hortensius und sein Mandant sahen ungläubig zu, wie Cicero sofort in die Beweisaufnahme einstieg. Den Senatoren, die sozusagen die Jury bildeten, grauste es zu Recht bei dem, was Verres römischen Bürgern angetan hatte. Wir wissen nicht, was Hortensius für eine Rede vorbereitet hatte. Er verließ, zu Recht, das Feld als Verlierer, das Monster Verres wurde verurteilt. Richter - hört uns zu!


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