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Hypokrisie
Von Wolf Reuter | 13.April 2010
Lidl sieht sich einer Klage der Verbraucherzentrale ausgesetzt. Sie will dem Lebensmitteldiscounter verbieten, in seiner Werbung zu behaupten, er setze sich für faire Arbeitsbedingungen bei seinen Lieferanten ein.
Gemeint sind Lieferanten in Bangladesh, China oder anderen Ländern, die alle herstellen, was wir so in unsere Freizeit anziehen oder den Kindern zum Spielen kaufen. Beispiele aus den Meldungen schließen u.a. ein:
- 80 Arbeitsstunden die Woche
- Schwangere werden fristlos entlassen, um die Entgeltfortzahlung bei Ausfallzeiten zu sparen
- Beschäftigte werden geschlagen, damit sie schneller arbeiten
Beispiele aus der zurückliegenden Woche im deutschen Arbeitsrecht schließen ein:
- Arbeitnehmer dürfen nicht nur nicht geschlagen werden, sie haben auch das Recht, schlecht zu arbeiten, denn nach Meinung des LAG Hamm ist auch eine unterdurchschnittliche Leistung kein Kündigungsgrund.
- In der Stadt Münster wird obergerichtlich entschieden, dass die Beschäftigten keine Raucherpausen mehr machen dürfen.
- Händewaschen ist im Unterschied zu Desinfektionszeiten keine Arbeitszeit nach TVöD.
Merken Sie etwas? Gut, man kann sich freuen, dass wir solche Luxusprobleme haben. In Bangladesh ist Arbeitsrecht aber mit Menschenrechtsschutz gleichzusetzen. In Deutschland ist das wohl nicht immer so (Gott sei Dank). Rechnen wir mal: Beim Landesarbeitsgericht Hamm waren beteiligt 1 Richter, 2 ehrenamtliche Richter, 2 Rechtsanwälte, also mindestens 5 Leute vom Fach; beim OVG für gewöhnlich 3 Richter und 2 ERis, mit den 2 Anwälten also 7 Fachleute, nochmals 5 beim LAG B-W, das sich zum Händewaschen geäußert hat. Umfrage unter allen 17 ordentlich situierten Personen: Haben Sie schon irgendwo ein Textilschnäppchen gekauft? Und? Nie gewundert, dass ein Sweatshirt für 5 EUR zu haben ist (und warum?)?. Man kann es nicht oft genug wiederholen: “Der Markt” verlangt billige Produkte. Der Markt – das sind wir. “Der Markt” trägt deshalb auch keine Schuld an prügelnden Aufsehern und gekündigten Schwangeren.
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Topics: Alltag im Arbeitsrecht | 3 Kommentare »

13.April 2010 at 7:31 am
Sehr guter Artikel.
Möge er einige Augen öffnen.
Danke.
13.April 2010 at 7:41 am
Das ist dann vielleicht doch ein wenig zu einfach. “Der Markt” war schon immer Referenzobjekt, wenn Marktbeteiligte (vornehmlich Unternehmen) ihre Methoden verteidigen wollten, ob zu Recht oder zu Unrecht.
Er verliert diesen Status dann, wenn die Methode anerkannt ist und positive Publicity liefert. “Der Markt” ist in dieser Verwendung nicht viel anderes als eine “Bad Bank”.
Lidl (und auch nahezu alle anderen Anbieter) muss diese Nachfrage eben nicht erfüllen. Nur weil eine Nachfrage da ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass die Erfüllung dieser in Ordnung ist. Es gibt für viele Produkte eine Nachfrage, die aus guten Gründen nicht befriedigt wird. Mit dem Marktargument könnte man jeden reinwaschen, der die Nachfrage für solche Produkte dennoch befriedigt.
Wenn ein Unternehmen mit bestimmten Slogans wirbt, dann hat es sich mE auch daran messen zu lassen. Dabei ist es dann unabhängig, ob es dadurch möglicherweise auf “dem Markt” Einbußen erlebt. Es handelt sich gerade um die freiverantwortliche Unternehmensentscheidung.
15.April 2010 at 11:20 pm
Die Abschiebung der Verantwortung auf den “Markt” und die gleichzeitige Gleichung “Wir sind Markt” verschleiert aber, dass ein Markt nur dann funktioniert, wenn Transparenz herrscht. Hier fehlt es aber an Transparenz der Produktionsbedingungen.
Sicher würde es beim Wissen um die o.g. Arbeitsbedingungen auch noch einige Käufer geben, die waren bei Lidl, Kik & Co. kauften, aber ein Großteil der heutigen Kunden würden sicherlich bei Kinderarbeit, fehlendem Mutterschutz und gesundheitsgefährdenen Arbeitsbedingungen lieber Abstand nehmen. Sicherlich so viele, dass sich dieses Geschäftsmodell nicht mehr tragen könnte. Soviel teurer sind Produkte mit gewissen Mindeststandards auch nicht, wobei die Mindeststandards auch nicht zwingend deutsche Standards sein müssen für die Herstellung der Akzeptanz.
Im Übrigen ist der Markt gerade keine moralische Instanz und denkbar ungeeignet, um über (Arbeits- und) Gesellschaftsmodelle zu urteilen.