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Fehlzeitenreport 2009: Krankheit und Wahn oder Sex nach sechs Stunden?
Von Wolf Reuter | 8.November 2009
Das wissenschaftliche Institut der allgemeinen Ortskrankenkassen (sinniger Name “WIdO”, was sich wohl “Wissenschaftliches Institut der Ortskrankenkassen” auflöst) existiert tatsächlich. Aus unserer Sicht wäre alleine das schon eine Meldung wert. Ehrlich, wir hatten ja keine Ahnung, welche Einsparpotentiale die Kassen noch haben, um nicht dauernd die Beiträge anzuheben und die Schuld dafür auf den jeweils amtierenden Bundesminister oder das Wetter zu schieben.
Wir gehen davon aus, dass es eine Menge Geld kostet, im Auftrag der AOK wissenschaftliche Grundlagenforschung zu treiben, die nicht, um ein paar Beispiele zu nennen, von der Freien Universität Berlin, dem Robert-Koch Institut oder der MHH betrieben werden könnte. Gut deshalb, dass das im Verborgenen geschieht, denn von dem Institut hatte man bislang noch wenig vernommen, das es in die Schlagzeilen geschafft hatte.
Das Institut hat auch einen Vizeleiter, Helmut Schröder (wir hoffen, “Vize-Leiter” ist nicht sein echter Titel, sondern nur eine falsche Wiedergabe auf dem Betriebsratsblog - zu dem kommen wir später; der Halbbruder des Ex-Kanzlers ist er aber eher nicht). Der bekommt, nehmen wir an, auch ein Gehalt, das aus Beiträgen finanziert wird.
Jetzt aber steht das WIdO mal im Mittelpunkt, jedenfalls nach eigener Lesart. Eine bahnbrechende, aber völlig unbeachtete Studie, der “Fehlzeitenreport 2009″ (nicht zu verwechseln mit der in den 70ern eingestellten Serie “Der Schulmädchenreport”), wurde am 5.11.2009 vorgestellt (http://www.aok-bv.de/presse/pressemitteilungen/2009/index_01906.html), wobei unklar ist, wem genau er “vorgestellt” wurde. Beim Ton der Pressemitteilung hätten wir erwartet, dass die Vorstellung mindestens im Konzerthaus am Gendarmenmarkt erfolgt (Das WIdO ist natürlich in einem Szeneviertel in Berlin beheimatet). Dort herrschte aber normaler Betrieb, im Berliner Ensemble übrigens auch.
Das alles ist erst einmal - na, ein Etikettenschwindel, denn es geht in Wahrheit um die Fehlzeiten in Arbeitsverhältnissen im Jahr 2008, auch deshalb wohl, weil man im November 2009 ja noch nicht alle Fehlzeiten 2009 kennen konnte; und eigentlich geht es auch gar nicht um Fehlzeiten von Fieslingen wie Arbeitsverweigerern oder honorigen Menschen wie Betriebsräten, sondern um krankheitsbedingte Fehlzeiten von Arbeitnehmern.
Da aber gibt es Dramatik. Wir zitieren aus der Pressemitteilung des AOK-Bundesverbands, der die Studie des eigenen Instituts natürlich in indirekter Rede beschreibt:
“Auch seien mehr als 70 Prozent der befragten gesetzlich krankenversicherten Beschäftigten 2008 krank zur Arbeit gegangen oder hätten zur Genesung das Wochenende abgewartet. Immerhin knapp 30 Prozent seien gegen den Rat des Arztes weiter zur Arbeit gegangen. Als Grund für die unterlassene Krankmeldung nannten sie, dass die Arbeit liegen bleibe. Fast 20 Prozent hätten Angst davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren…”
Den ganzen Report haben wir leider nicht, ehemm…die Kasse will ihn nämlich nur verkaufen (466 Seiten; broschiert, € 44,95; Hey - 44,95??? Dafür gibt es schon ¼ vom Erfurter Kommentar zu kaufen, das hätte gut 700 Seiten). Bei Amazon gibt es ihn auch (Verkaufsrang 120.827, zum willkürlichen Vergleich, das absolut unbekannte Büchlein “Sex nach sechs Stunden. So verführen Sie Frauen im Handumdrehen” ist auch broschiert, kostet nur 8,90 € und hat schon Rang 2.136), aber natürlich hat das WIdO auch einen Webshop, dessen Betriebskosten wir mal nicht hinterfragen. Nutzen Sie den zur Bestellung, dann verdienen die Turbokapitalisten aus USA wenigstens keine Verkaufsprovisionen.
Aber zurück zum Thema - brauchen wir hirnkranke Aussagen wirklich, die uns mitteilen, 70 Prozent seien “..krank zur Arbeit gegangen oder hätten zur Genesung das Wochenende abgewartet…” - welche Frage hat man den Leuten gestellt? Etwa “Herr X, waren Sie krank letztes Jahr, auf Arbeit?” - “Nö” - “Haben Sie mal aufs Wochenende gewartet?” - “Ja, immer Montag Morgens” - “Waren Sie mal am Wochenende krank?” - “Ah ja, kam vor, war aber schei…e” - OK, das war also einer von den 70 %.
Auf der Jagd nach Sensationen im Krankheitsbereich scheut man auch vor krassen Widersprüchen nicht zurück. Der Fehlzeitenreport 2009 (vulgo: 2008) meldet hauptsächlich, dass der Krankenstand gestiegen sei - auf 17 Tage (rauf von 16,3 Tagen 2007). Was jetzt, gestiegen oder gefallen? Wir dachten, alle gehen jetzt krank zur Arbeit oder ins Wochenende. Der Pressemitteilung ist nur zu entnehmen, dass beide gegenläufigen Resultate dieselbe Ursache hätten: Den Druck. Gemeint ist der Druck aus der Wirtschaftskrise, der führt zu Angst nicht nur bei Bankern, und die zu Krankheit, die mal in mehr, mal in weniger Fehltage mündet. Alles Roger? Nicht ganz. Denn der erwähnte Vize-Leiter setzte etwas hinzu, das auf dem Betriebsratsblog (http://blog.betriebsrat.de/, dessen Autoren wir nicht kennen) besonders prominent herausgestellt ist:
“Dazu der Vize-Leiter des Instituts, Helmut Schröder: “Ein Arzt schreibt niemanden leichtfertig krank.”
Jetzt reicht es aber. 99,9 % der Betriebe - und hinter vorgehaltener Hand die Ärzte, ohne Verdruss die Arbeitnehmer - bestätigen, dass das völliger, absoluter und gar nicht vertretbarer Stuss ist. Einer der wenigen echten Skandale der Arbeitswirklichkeit ist der “Gelbe Schein”. Um es gleich klar zu stellen: Die Arbeitsgerichte trifft ausnahmsweise die geringste Schuld. Sie konnten gar nicht anders, als den Gelben Schein mit der berüchtigten “widerleglichen” (also in der Regel unwiderleglichen) Vermutung auszustatten, die er heute hat, ob er nun aus Darmstadt, Messina oder Antalya stammt. Die Alternative wären Prozesse gewesen, in den sich die Richter auch noch damit rumschlagen müssten, wie krank denn arbeitsunfähig sein muss. Nein, der Skandal liegt bei den Ärzten. Sie stellen die Dinger ohne sinnvolle Begründung, auf Bestellung, ja ohne Diagnose am Telefon aus und tun dabei ganz unschuldig. Ich habe mal einen Arzt als Mandanten gehabt, der über das Krankheitsgebaren seiner Helferin völlig ausrastete. Er hat aus dem Fall gelernt, den Schein nicht mehr leichtfertig auszustellen. Kaum erstaunlich, dass er jetzt ein paar empörte Patienten hat. Er hatte auch erstmals verstanden, dass dieses Ding ja eine Zahlungspflicht des Arbeitgebers auslöst - wirklich wahr, darüber hatte der sich früher nie Gedanken gemacht.
Diesen Grundkurs als Arbeitgeber sollten alle Ärzte mal durchlaufen. Welcher Anwalt hatte nicht mal einen Arbeitnehmer als Mandanten, den er verschämt fragte, als er seine Verunsicherung nach der Kündigung schilderte, ob er nicht einen Arzt kenne, der ihn “krankschreiben” könne, bis man sich mit dem Arbeitgeber geeinigt habe. Meine Erfahrung: Staunen, aber nicht ob der Ungeheuerlichkeit der Forderung, sondern wegen ihrer Naivität. Natürlich “lasse” er sich krankschreiben, so der Mandant. Nun gut, es nützt dem konkreten Mandat, aber gesamtgesellschaftlich? “Krankschreiben lassen” als Dienstleistung? Wir wollen mal an die vielen Arbeitnehmer erinnern, denen ihre Arbeit Spaß macht. Die Anwaltssekretärin, die man nach Hause schicken muss, weil sie eine Grippe hat, aber einfach nicht einsehen will, dass Mandant x einen Tag ohne sie auskommt. Die Personalchefin, die mit eben dieser Grippe kaum hörbar am Telefon sagt, den einen Termin am Nachmittag wolle sie noch machen (jetzt will ich nicht hören, die bekomme das auch bezahlt), den Chefbuchhalter, der zum Jahresabschluss antritt und das unter Fieber mit seinem Berufsethos erklärt - er könne ja das ganze Jahr krank sein, meinte er, aber Bilanzbuchhalter, die zur Bilanzerstellung nicht da seien, da hätte er seinen Beruf verfehlt. Ich habe sie alle persönlich kennengelernt.
Das Kabarett der arbeitsrechtlichen Kleinkünstler vom WIdO kann man noch toppen, und zwar mit der Überschrift, die der erwähnte Betriebsratsblog aus der geschilderten “Faktenlage” gemacht hat:
“Fehlzeiten-Studie beweist: Fast jeder schleppt sich krank zur Arbeit”
Wir wussten es immer schon - die Logik der Dialektik erschließt sich uns einfach nicht. Wirklich, wie man zu dieser Schlussfolgerung kommt, lässt sich wohl nur mit einem guten alten DDR-Witz erklären, der pünktlich zum Jahrestag des Mauerfalls vom Berliner TAGESSPIEGEL verbreitet wurde. Ronald Reagan und Erich Honecker machen ein Wettrennen. Honecker verliert. Das “Neue Deutschland” tags darauf:
“Der Genosse Staatsratsvorsitzende hat einen guten zweiten Platz belegt, der US-Präsident wurde nur Vorletzter.”
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Topics: Alltag im Arbeitsrecht |

















2.Mai 2010 at 9:22 am
[…] uns suggerieren, die terrorisierten Mobbingopfer (neuzeitliche Definition des Arbeitnehmerbegriffs) schleppten sich krank zur Arbeit? Gar nicht, natürlich. Gemeinsam mit den Berufsgemobbten (z.B. Günther Walraff) in den Talkshows […]