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Abschaffung der Sklaverei 1772 – “England is too pure an air for a slave to breathe in”
Von Wolf Reuter | 22.Juni 2010
Heute ist auf ein außergewöhnliches, wenn auch unrundes Jubiläum hinzuweisen:
Exakt heute vor 238 Jahren, am 22. Juni 1772, verkündete Lord William Murray, später 1st Earl of Mansfield, seine Entscheidung im Rechtsstreit der Krone gegen Knowles, besser bekannt als “Sommersett’s Case” (R v Knowles, ex parte Somersett (1772) 20 State Tr 1 [King's Bench]).
“Sommersett” war der Name eines Sklaven in den nordamerikanischen Kolonien, den sein “Eigentümer” eingesperrt hatte, wie es, so meinte er, sein “gutes Recht” als Herr des Sklaven war. Mehrere Antragsteller begehrten seine Freilassung aus der ungesetzlichen – weil nicht richterlich angeordneten – Gefangenschaft, indem sie einen sog. Habeas Corpus Beschluss erwirken wollten. Damit stellte sich die Frage (und der Sklavenhalter agumentierte natürlich so), ob es überhaupt eine rechtliche Grundlage für die Haltung von Sklaven gäbe. Aus Sicht der Sklavenhalter erlaubte das Common Law, das hergebrachte Recht, die Haltung von Sklaven durchaus.
Sklaverei war zudem 1772 nicht ungewöhnlich und genoss erhebliche wirtschaftliche und politische Unterstützung- doch Lord Murray erkannte, dass das Rechtssystem des Vereinigten Königreichs damit insgesamt herausgefordert war. Seit der Magna Charta aus dem Jahre 1215 war es immerhin ein Prinzip des Common Law, dass die Gerichte jede ungesetzliche Beschränkung der Bewegungsfreiheit aufzuheben hatten, da nur aufgrund eines gesetzlichen Richterspruchs ein Mensch seiner Freiheit beraubt werden durfte.
Tatsächlich heißt es in der 1297 überarbeiteten Version der Magna Charta (Bestimmung Nr. 29) wörtlich:
“We will sell to no man, we will not deny or defer to any man either Justice or Right.”
Das Argument, Sklaverei sei eine Art Gewohnheitsrecht, wischte Lord Murray deshalb beiseite, und seine Verachtung für ein solches “Prinzip” hallt deutlich durch die Jahrhunderte. Sklaverei sei von einer Natur, so stellte er fest, dass man den Gerichten nicht zumuten könne, sie für rechtmäßig zu erklären und als Teil des Rechtssystems des Common Law anzusehen. Nur ein “Parlamentsakt” könne ein solches Monstrum rechtfertigen.
In dieser Zeit eine Revolution, ja ein Erdbeben. Es gab keinen Parlamentsakt (Gesetz), der die Sklaverei legalisierte. Und unter dem Eindruck der damals aktiven “Abolotionist-Bewegung” (“Am I not a man, a brother?” fragte ein Sklave auf deren Wappen) hätte das Englische Parlament nie ein solches Gesetz gemacht. Die Bezugnahme auf den “Parlamentsakt” darf man nicht falsch verstehen. Im Prinzip steht das Parlament bis heute in England über allem – eine höhere moralische Autorität, ähnlich der Bindung des Bundestags an das Grundgesetz, gab und gibt es nicht. Dass die moralische Kontrolle dennoch funktioniert, zeigt der Fall eindrucksvoll. Das Parlament hätte im Prinzip zwar ein Gesetz zur Legalisierung der Sklaverei machen können – sähe sich aber bei einem Verstoß gegen das Common Law erheblichen Widerständen ausgesetzt. Der Satz bedeutet daher vor allem, dass die Politiker, wenn sie so etwas Abscheuliches in Kraft setzen wollten, dafür auch öffentlich als Schuldige aufzutreten hätten, statt einfach zu behaupten, Sklaverei sei ein im Rechtssystem akzeptiertes Phänomen. Das brach der Sklaverei konzeptionell endgültig das Rückgrad.
Sommersett war deshalb freizulassen.
Der Fall wird historisch als endgültige juristische Ächtung der Sklaverei in England angesehen (Schottland folgte nur wenige Jahre später mit demselben Ergebnis).
Wie unperfekt auch die Wirklichkeit noch lange Jahre danach war: Der Mut und die moralische Klarheit eines einzelnen Richters triumphierte über eines der schlimmsten Verbrechen seiner Zeit.
Der Eingangssatz, nachdem sich die Sklaverei nicht mit der Luft in England vertrage, wird Lord Murray zwar zugeschrieben, stammt aber wohl aus einem älteren Fall aus der Zeit von Queen Elizabeth I; er passt indes hervorragend.
Anmerkung: Die Informationen über diesen Schulfall sind bestens dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel dazu zu entnehmen, der auch interessante weiterführende Links enthält und auf dessen Inhalt auch dieser Beitrag aufbaut.
William Murray
1st Earl of Mansfield
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Topics: Alltag im Arbeitsrecht | 3 Kommentare »














8.September 2010 at 10:48 am
Es gibt keine Abschaffung der Sklaverei in einem bestehenden Geldsystem. Sie wird nur auf andere Bereiche verschoben.
2.Februar 2012 at 9:40 am
Ein sehr später Kommentar, in doppelter Hinsicht, vielleicht auch für itsmee:
http://www.lettersofnote.com/2012/01/to-my-old-master.html
Brief eines ehemaligen Sklaven aus Ohio aus dem Jahr 1865 an seinen ehemaligen “Master” aus Tennessee.
2.Februar 2012 at 10:30 am
@Christian Taube: You just made my day. Großartig!